059 – 0643 Der geraubte Schleier Il velo rubato Le voile volé iThe stolen veil El velo robado



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059 – 0643

Der geraubte Schleier

Il velo rubato

Le voile volé

iThe stolen veil

El velo robado




Unfern der Stadt Zwickau, im Erzgebirge, liegt das bekannte Schwanenfeld, welches den Namen hat von einem Weiher, der Schwanenteich genannt, der heutzutage zwar beinahe versiegt aber doch noch nicht ausgetrocknet ist. Das Wasser desselben hat die Eigenschaft, die weder dem Pyrmonter Brunnen, noch dem Karlsbade, noch den Wassern zu Spaa, oder sonst einem Gesundbrunnen inner-halb Deutschland, auch selbst dem welschen Königsbade zu Pisa nicht verliehen ist. Es ist das wahre Schönheitsöl, wirksamer als die verjüngende Salbe des rätselhaften St. Aimar, kräftiger als Maientau, reinigender als Eselsmilch, oder das zur Erhaltung buhlerischer Reize erfundene Waschwasser à la Pompadour, köstlicher als das berufene Talksteinöl. Still und geräuschlos gleitet die wundersame Quelle unter dem Schatten unedler Gesträuche dahin, deren Wurzeln sie tränket, und verbirgt sich, beschämt daß ihre Kraft und Wirkung verkannt wird, bald wieder in den mütterlichen Schoß der Erde, da ihre stolze Nachbarin im Karlsbad mit vornehmen Ungestüm hervorsprudelt, sich prahlerisch durch heiße laugenhafte Dämpfe ankündiget, und von der ganzen gichtbrüchigen Welt sich panegyrisieren läßt. Es ist kein Zweifel, wenn die verborgenen Tugenden der gebürgischen Quelle, das unstete und flüchtige Gut der weiblichen Schönheit stet und fest zu machen, oder die welkende Blüte derselben wieder zu erfrischen, kund und offenbar würde, daß die weibliche werte Christenheit mit eben der Inbrunst und dem Eifer zum Zwickauer Schönheitsbrunnen zu großem Vorteil und Gewinn der guten Stadt wallfahrten würde, wie die türkische Karawane nach Mekka zum Grabe des Propheten; auch würden die Töchter der Stadt fleißig herausgehen mit ihrem Zuber des köstlichen Wassers zu schöpfen, und so wenig ermangeln bei dieser Gelegenheit Heiratsgewerbe zu betreiben, wie vormals die Nahorittinnen. Aber wie nicht der Saum einer jeden Wolke von der Sonne vergüldet wird, nicht jede Blume, die erfrischender Morgentau tränket, hohe Farben spielt, auch nicht jede verschwitzte Perl, durch Limoniensaft gereiniget, ihr erstes Wasser wieder gewinnt, sondern bei gleicher Wirksamkeit der Lichtstrahlen, des fruchtbaren Taues und der Zitronensäure, gewisser eintretenden Umstände halber dennoch nicht immer gleiche Wirkung erfolgt: so würde nach Maßgabe angezogener Gleichnisse auch nicht jede badende Nymphe durch die Zwickauer Wunderquelle, der unbezweifelten Wirksamkeit derselben unbeschadet, Jugend und Schönheit fesseln: denn beide sind durch den nassen Weg eines Wasserbades ohnehin schwerer zu gewinnen, als durch den trocknen des Pinsels und der Schminkdose dem Auge vorzulügen. Doch hier tritt noch der besondere Umstand ein, daß das Zwickauer Schönheitsbad seine wundersame Eigenschaft nur an solchen Damen äußert, welche, sei's auch im tausenden Gliede, aus der Sippschaft der Feien abstammen. Das sei inzwischen nicht gesagt, um irgend eine Schöne von dieser heilsamen Badekur abzuschrecken: denn welche ist versichert, daß sie geradezu in unverrückter Geschlechtsfolge von väterlicher und mütterlicher Seite aus Mutter Evens irdener Hüfte entsprossen sei, und nicht in die lange Reihe vergessener Ältermütter irgendeine Fei zwischen eintrete, und sonach ein Tropfen ätherisches Blut in ihren Adern fließe? Ist immer möglich, daß der unermüdete Forschungsgeist der Menschenkunde, in dem Menschenantlitz ein Feenprofil ausspähet, wie er bereits eine Königslinie geahndet, und ein Armensünderprofil gefunden hat. Bis dahin können vielleicht andere Merkzeichen die Stelle der zu hoffenden gewissern Überzeugung vertreten. jedes zauberische Talent der Töchter Teutoniens, es sei dieses der Wohlgestalt des Wuchses, dem Blick der Augen, der Eurhythmie des Mundes, der Wölbung des Busens, den Organen der Stimme verliehen; oder es bestehe in der Gabe eines bezaubernden Witzes, oder einer gewissen Kunstfertigkeit, läßt ein Erbteil aus dem großmütterlichen Feenschatz vermuten, und wo ist ein Mädchen, das nicht irgend so ein Zauberkünstchen treiben sollte? Die Wallfahrt ins Zwickauer Schönheitskonservatorium wär drum des Weges wohl wert, und insonderheit der Teil der schönen Welt dazu aufzumuntern, welchem das Schicksal bevorstehet, die Flagge der Schönheit des nächsten zu streichen. Im Angesicht des kleinen Sees, in welchen die magische Quelle ihren Silberstrom ergoß, wohnte an dem sanften Abhange eines Hügels, in einer lustigen Felsengrotte, Benno, der fromme Einsiedler, der den Namen von dem bekannten frommen Bischof in Meißen, zum Aushängeschild seiner Tugend und Frömmigkeit entlehnt hatte, und nicht minder im Geruch der Heiligkeit stund als sein Namenspatron.




Niemand wußte zu sagen, wer Benno eigentlich sei, noch von wannen er kommen war. Vor langen Jahren langte er als ein rüstiger Pilger an, ließ sich in der Gegend des Schwanenfeldes (eine lustige Gegend bei Zwickau, die noch jetzt diesen Namen führet, und solchen einer alten Volkssage zufolge von einer gewissen Schwanhildis, so wie die Stadt den ihrigen von deren Vater dem Cygnus erhalten haben soll. Beide gehören ins Feiengeschlecht und stammen wahrscheinlich aus den Eiern der Leda her.) nieder, erbauete eigenhändig eine artige Einsiedelei, pflanzte einen kleinen Garten umher, in welchem er die herrlichste Baumschule von ausländischen Obstbäumen und Traubengeländer anlegte. Er zog darinnen auch süße Melonen, welche damals für eine große Leckerei gehalten wurden, und womit er die Gäste, welche bei ihm einsprachen, bewirtete und labte. Seine Gastfreiheit machte ihn ebenso beliebt, als seine heitre Gemütsart. Die gebürgischen Einwohner wendeten sich wegen seiner Frömmigkeit an ihn, als einen Anwalt und Unterhändler bei allerlei Notdurft vor dem himmlischen Tribunal, und er gewährte. seine Vorsprache oft ganz entgegengesetzten Wiinschen mit großer Bereitwilligkeit, ohne die Gebühr eines reichen Almosens. Gleichwohl fehlte es ihm an keinem Bedürfnis des Lebens, vielmehr gab ihm der Segen des Himmels an allem Überfluß. Ob indessen den frommen Benno ein himmlischer Beruf aus dem Geräusche der Welt in seine einsame Klause trieb, oder ob ihm wie dem frommen Abälard eine Heloise zurn kontemplativen Leben Beruf und Neigung gab, das wird sich vielleicht in der Folge veroffenbaren. Um die Zeit, als Markgraf Friedrich mit dem Biß, seine Fehde mit dem Kaiser Albert ausfocht, und das Schwabenheer das Osterland verheerte, hatte bereits das Alter den ehrwürdigen Benno mìt einer ansehnlichen Glatze geschmückt, und die Überbleibsel seines Haarwuchses an der Stirn gebleichet, er ging krumm und sehr gebückt an seinem Stabe einher, und hatte nicht mehr die Kräfte seinen Garten im Frühling umzugraben, wünschte sich einen Gehülfen und Beistand; aber die Wahl fiel ihm schwer, im Gebürge einen Hausgenossen zu finden der ihm zu Sinne war, denn das Alter machte ihn mißtraulich und wunderlich. Unverhogt gewährte ihn der Zufall seines Wunsches, und ließ ihn einen Gehülfen finden, an den er sich wie an seinen Stab halten konnte. Die Meißner hatten bei Lucka die Schwaben in einer großen Schlacht erlegt, und ihrer bei sechzig Schock erschlagen (Glafeys Kern der sächsischen Geschichte. Daß die Sieger die Erschlagenen nach Schocken zählten, wie die Lerchen, kann vielleicht daber kornmen, weil die Leipziger Bürger, die sich bei dem Markgrafen befanden, diesen Heereszug mit einem Lerchenstreichen verglichen; denn der Sieg wurde ihnen sehr leicht.) . Ein panisches Schrecken fiel auf das Schwabenheer, die Furcht gab ihnen die gewöhnliche Losung: rette sich wer kann ! Jeder der nach der Schlacht noch ein Paar gesunde Füße unter sich fühlte, dankte Gott und allen Heiligen dafür, und bediente sich derselben wie di aufgeschreckten Lerchen der Flügel, sich über die betrüglichen Garnwände empor zu schwingen und den Netzen des Todes zu entrinnen; viele flohen nach den nächsten Wäldern und die Ermatteten verbargen sich in hohle Weiden. Eine getreue Spießgenossenschaft, sieben Mann an der Zahl, gelobten sich, treulich beieinander auszuhalten, sich nicht zu trennen und zusammen zu leben und zu sterben. Es gelang ihnen dem nachhauenden Feinde glücklich zu entkommen, sie waren insgesamt frische wohlbewadete Pursche, die kein Läufer aus Midian würde eingeholet haben. Endlich ermüdeten sie doch durch den allzulangen Wettlauf, und da die Nacht hereinbrach, beratschlagten sie sich, wo sie einen Ort finden möchten sich zu verbergen. Im freien Felde hielten sie sich nicht sicher gnug, sie faßten also den Entschluß in ein einsames Dorf sich zu schleichen, das ihnen eben aufstieß, denn sie urteilten ganz recht, daß die Mannschaft daraus mit ins meißnische Lager gezogen sei. Dennoch waren sie sehr behutsam, und um das strengste Inkognito zu beobachten, nahmen die sieben Helden in einem Backofen ihre Herberge, ihre Anwesenheit desto sicherer zu verhehlen. Nun mag wohl ein Backofen eben nicht das bequemste Gastbette sein, und vor der Lucker Schlacht würden sie auch mit einem solchen Nachtquartier schwerlich vorlieb genommen haben, denn tausend Heringe schlafen leicht friedsamer in einer Tonne beisammen als sieben Soldaten in einem Backofen; aber diesmal machte die Not Quartier, die große Ermattung gebot Eintracht und der Schlaf Schweigen: es fiel ein Paar Augen nach dem andern zu und die Unglückskameradschaft schlief bis an den hellen Tag, ob sie gleich verabredet hatten in der Morgendämmerung in aller Stille zu dekampieren. Aber ehe die Siebenschläfer erwachten waren sie bereits von einer Bäuerin entdeckt worden, die, weil das Gerücht des Sieges schon ins Land erschollen war, aus großer Freude über diese Botschaft einen Kuchen eingemengt hatte, den sie in aller Frühe backen wollte. Wie sie zum Ofen kam und die Einquartierung da wahrnahm, merkte sie bald an den zerfetzten Wämsern und Hosen, daß diese fremden Gäste Flüchtlinge wären, sie lief also flugs ins Dorf und sagts ihren Nachbarinnen an. Augenblicks versammlete sich die Schar der Bäuerinnen, gerüstet mit Bratspießen und Ofengabeln, nicht anders als wenn sie in der ersten Maiennacht den Besen satteln und auf den Brocken ziehen wollten. Der Backofen wurde von der weiblichen Kohorte förmlich berennt, man hielt Kriegsrat, ob man mit gewagneter Faust oder mit dem Element des Feuers den Feind angreifen wollte, denn beschlossen war es die Schmach der Jungfrauen und Weiber an den schändlichen Buhlern zu rächen, die bei dem Einfall ins Land weder die Heiligkeit der Klöster noch die Zucht der tugendsamen Hausmütter und ihrer Töchter verschonet hatten. Ob nun wohl die sieben Märtyrer an der Sünde ihrer Landsleute vielleicht sehr unschuldig waren, so sollten sie doch für sie die Schuld abbüßen: die strenge Keuschheitskommission verurteilte sie nach gepflogenem Rate allesamt zum Bratspieß. Schon schwung der Geist der Rache die ungewohnten Waffen in der Hand der Dörferinnen, nicht anders als Bacchantenwut den schweren Thyrsus in der Hand der Dyaden. Der ganze Haufe stürmte



einmütig auf die Heldenherberge ein, ohne die Unverletzbarkeit des Gastrechtes zu respektieren; die wehrlosen Wichte wurden mit kräftigen Stößen und Gabelstichen gar unsanft aus dem erquickenden Schlafe geweckt. Sie ahndeten aus diesem unfreundlichen Morgengruße ihre Gefahr, stimmten große Lamenten an, kapitulierten aus dem Ofen heraus und baten flehentlich um ihr Leben. Doch die unerbittlichen Amazonen gaben kein Quartier, stachen und gabelten so behende von außen in den Mordkeller hinein, bis eine völlige Totenstille darin herrschte und keiner der unglücklichen Spießgesellen mehr ein Glied regte; hierauf verwahrten sie die Tür von außen und zogen trium- phierend im Dorfe umher (Glafey ist abermals Gewährsmann dieser Anekdote.)



Sechse von der verbündeten Kameradschaft waren bei diesem Ofenscharmützel wirklich auf dem Platze gebheben, dem siebenten, der klüger oder entschlossener war als die übrigen, gab die Gefahr ein sicheres Rettungsmittel an die Hand; er nahm in Zeiten eine weise Retirade in die Feuermauer, stieg durch solche unbemerkt aus dem schauervollen Kerker, gleitete vom Dach herunter und gelangte ins Freie, lief aus allen Kräften dem nahen Gebüsche zu, und wanderte so unter fortwährender Todesfurcht den ganzen Tag in der Irre herum bis zu Sonnenuntergang. Vor Entkräftung und Hunger sank er unter einen Feldbaum, und nach dem die Abendkühlung seine Kräfte erfrischet hatte, hob er die Augen auf und sahe in einer kleinen Entfernung einen andächtigen Eremiten, der vor einem sehr simplifizierten Kreuz das nur mit Baumbast zusammengebunden war, seine Andacht verrichtete. Dieser fromme Anblick machte ihm Mut, er nahete in einer demütigen Stellung dem ehrwürdigen Ordensmanne, kniete sich hinter ihn, und da dieser sein Gebet vollendet hatte, erteilte er dem Fremdling den Segen. Wie er aber diesen so bleich und entstellt sahe, auch aus seiner Kleidung urteilte, daß er ein Lanzknecht oder Schildknappe sei, ließ er sich mit ihm ins Gespräch ein. Der ehrliche Schwab vertrauete ihm seinen Unstern so treuherzig, als ob er seine Beichte ansagte, ohne seine Furcht für dem Tode zu verhehlen, denn er fürchtete immer der Würgengel mit der Bratspießsense bewaffnet, folge ihm auf dem Fuße nach, und werde ihn noch bald gnug einholen. Den gutmütigen Einsiedler jammerte das unschuldige Schwabenblut, er bot ihm Schutz und Obdach in seiner Wohnung an, zwar bildete dem furchtsamen Flüchtling seine verworrene Phantasie gleich beim ersten Eintritt die düstre Grotte als einen Mordkeller ab; nicht nur dieses Felsengewölbe, sondern auch die Kapelle, die Speisekammer, der Keller des Einsiedlers, ja selbst das azurne Gewölbe des Himmels, gewann in seinen Augen die Gestalt eines Backofens; es überlief ihn ein kalter Totenschauer nach dem andern. Aber der freundliche Greis sprach ihm bald wieder Mut ein, reichte ihm Wasser die Füße zu waschen, tischte ihm gutes Brot und einige Gartenfrüchte zur Abendmahlzeit auf, labte seine trockne Zunge die an dem Gaumen klebte mit einem Becher Wein, und bereitete ihm ein Nachtlager von weichem Moos. Friedbert der Schwab schlief auf beiden Ohren, bis ihn der fromme Benno zum Gebet weckte, worauf er beim Frühstück aller Not und Herzeleids vergaß und nicht Worte hatte seinem guten Wirt für die menschenfreundliche Aufnahrne und Pflege sattsam zu danken. Nach drei Tagen dünkte es ihm Zeit förder zu ziehen; doch sehnte er sich aus diesem ruhigen und sichern Aufenthalte so wenig hinweg, als es einem Schiffer, der beim Sturm in einer windsichern Bucht den Anker hat fallen lassen, lüstet, sich in die offne See zu wagen, solange noch die Winde draußen heulen und die hohlen Wellen brausen. Benno seinerseits fand an dem ehrlichen Schwaben einen so schlichten und geraden Sinn, so viel Treuherzigkeit und Dienstbeflissenheit, daß er ihn stets bei sich zu behalten wünschte. Diese Übereinstimmung des Willens machte bald beide Teile des Handels einig; Friedbert nahm von dem Altvater die Tonsur, wechselte das Soldatenkleid mit einem Eremitenrock, und blieb als dienender Bruder in der Klause, seines Wohltäters zu warten, die Küche und den Garten zu beschicken und die nach der Einsiedelei wallfahrtenden Pilger zu bedienen. Um die Zeit der Sonnenwende, wenn der Frühling von dem Sommer sich scheidet, und die Sonne in das Zeichen des Krebs tritt, verfehlte Benno nie, seinen treuen Diener auf Kundschaft an den Weiher zu schicken, um zu sehen ob sich Schwäne darauf blicken ließen, ihren Flug zu beobachten, und die Anzaht derselben zu bemerken. Er schien immer auf diesen Bericht sehr aufmerksam, der Schwanenbesuch machte ihn gutes Muts, aber wenn sich um die gewöhnliche Zeit keine Schwäne blicken ließen, schüttelte der Alte den Kopf und blieb einige Tage mißmütig und grämisch. Der geradsinnige Schwabenkopf hatte keinen Arg daraus, forschte entweder dieser sonderbaren Neugierde des Grüblers nicht weiter nach, oder meinte die Ankunft oder Abwesenheit der Schwäne sei eine Vorbedeutung von Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit des Jahres. Eines Tages da Friedbert auf der Lauer stund, in der Abenddämmerung einige Schwäne über den Teich hatte hinschweben sehn, und solches nach Gewohnheit dem Vater Benno ansagte, bezeigte dieser große Freude darüber, ließ eine leckerhafte Abendmahlzeit zurichten, und Wein auftragen vollauf. Der jovialische Becher äußerte bald seine belebenden Kräfte an beiden fröhlichen Tischgenossen. Der ehrwürdige Greis legte seine Ernsthaftigkeit ganz ab, wurde gesprächich und scherzhaft, schwatzte von Traubensaft und Minneglück, daß wer ihn gehört hätte würde vermutet haben, der Greis von Tejos sei wieder aufgelebt, und habe sich in einen Eremiten umgewandelt. Er stimmte sogar das antike Trinklied an, das seitdem Trauben gekeltert und Mädchen sind geliebt worden, üblich gewesen ist, und welches Vater Weiße seinen Zeitgenossen wieder sangbar gemacht hat: “Ohne Lieb und ohne Wein was wär unser Leben.


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Indem er seinem Pflegesohne den vollen Becher reichte und dieser redlich Bescheid tat, trat er ihn traulich mit diese Worten an: “Mein Sohn gib mir Antwort auf eine Frag an dein Herz, aber gebiete ihm, daß es kein Schalk sei oder dich selbst betrüge; auch bezähme deine Zunge, daß kein verlognes Wort darüber gleite: denn so du erfunden würdest, daß du trüglich redetest, würde die Lüge deine Zung schwärzen, wie der Ruß einen Topf am Feuerherde. Darum sag mir aufrichtig und sonder Trug, ist Frauenliebe je in dein Herz kommen und der süße Minnetrieb darinnen erwacht oder schlafen noch die Gefühle zarter Leidenschaft in deine Seele? Hast du den Honigbecher keuscher Brunst gekostet, oder aus dem üppichen Kelch der Wollust getrunken Nährst du noch vielleicht geheime Liebesflammen mit dem Hoffnungsöle, oder sind sie durch den Hauch des Wankelmuts erkaltet und erloschen, oder glimmt noch ein verborgener Funke unter der Asche der Eifersucht? Seufzet eine Dirne nach dir, die deinen Augen gefiel, und dich jetzt als einen Toten beweinet, oder deiner Wiederkehr ins Vaterland harret mit sehnlichem Verlangen? Schleuß mir auf die Geheimnisse deines Herzens, so soll sich das meinige gegen dich öffnen, daß ich dir kund tue was dir lieb zu hören sein wird." “Ehrwürdiger Vater”, antwortete der truglose Schwabe, “was mein Herz anbelanget, so wisset, daß es nie der Liebe Fesseln getragen hat, und annoch so frei ist, als der Vogel in der Luft von den Netzen des Vogelstellers. Ich bin als ein junger Gesell unter Kaiser Alberts Fahnen gezwungen worden eine Lanze zu tragen, ehe noch das Milchhaar am Kinn sich zum männlichen Krausbarte krümmte, und die Dirnen meiner achteten; denn die Gelbschnäbel, wißt ihr wohl, sind bei ihnen nicht hoch am Brette (in diesem Stück hat sich heutzutage der Geschmack zum Vorteil der jungen Herren wie jedermann weiß gar merklich geändert.). Zudem bin ich ein verzagter Tropf in betreff der Liebe; wenn mich's auch zuweilen lüstete zu liebäugeln, hatt ich kein Herz einer feinen Dirne dreust unter die Augen zu sehen, und es ist mir nie begegnet, daß mir eine mit Liebe entgegen gekommen wär, um durch einen Wink oder Blick mich anzukörnen. Also wüßt ich nicht daß eine weibliche Zähre um mich geflossen sei, ausgenommen die meine Mutter und Schwestern weinten, da ich ins Heer zog.” Das vernahm der Alte gern und fuhr also fort: “Du hast mir nun drei Jahre lang aufgewartet wie es einem ehrlichen Diener zustehet, dafür gebührt dir ein billiger Lohn, von dem ich wünschte, daß du ihn aus der Hand der Liebe empfingst, wofern dir anders das Glück günstiger ist als mir. Wisse, daß mich nicht die Andacht, sondern die Liebe, aus fernen Landen hieher in diese Klause geführet hat. Vernimm meine Abenteuer und die Abenteuer des Weihers, der dort als ein Silbermeer in dieser mondlichten Nacht vor unsern Augen hingegossen ist. In meiner Jugend war ich ein kecker mannlicher Ritter, seßhaft in Helvetien, aus dem Geschlecht der Grafen von Kyburg, trieb Kurzweil und Minnespiel, und erschlug einen pfaffen der mir eine feine Magd abgewonnen hatte durch Betrug, daß sie mir untreu ward. Draufzog ich gen Rom, Ablaß zu holen vom Heiligen Vater des Totschlags halber, der legte mir eine Buße auf, daß ich drei Kreuzzüge tun sollte ins Heilige Land, gegen die Sarazenen zu streiten, mit dern Beding, daß, wenn ich nicht wieder heimkehrte, der heiligen Kirche all mein Gut sollte verfallen sein. Ich verdang mich auf eine der Venediger Galeeren und schiffte frohen Mutes davon. Aber im Ionischen Meere blies der tückische Afrikaner-Wind in unsre Segel, das Meer türmte sich auf, unser Schifflein ward ein Spiel der Wellen und lief auf dem Ägäer-Meer nahe bei der Insel Naxos auf eine verborgene Klippe daß es zu Trümmern ging. Ob ich gleich der Schwimmkunst unkundig war, faßte mich doch mein Schutzengel beim Schopf und hielt mich über Wasser, daß ich das Land erreichte, wo mich die Strandbewohner freundlich aufnahmen und meiner pflegten, bis ich des eingeschluckten Seewassers mich entlediget hatte. Drauf begab ich mich nach Quisa ans Hoflager des Fürsten Zeno eines Abkömmlings des Markus Sanuto (Note.:Neffe des Doge Enrico Dandolo, hat der vierten Kreuzfahrt teilgenommen), welchem Kaiser Heinrich aus Schwaben die Zykladen als ein Herzogtum verliehen hatte, und wurde unter dem Namen eines welschen Ritters wohl empfangen. Hier sah ich die schlanke Zoe seine Gemahlin, von dem schönsten griechischen Ebenmaß, die Apelles würde gewählt haben, die Göttin der Liebe zu konterfeien. Ihr Anblick entzündete eine Flamme in meinem Herzen, in welcher alle andere Gedanken und Begierden mit aufloderten. Ich vergaß meiner Gelübde der Kreuzfahrt ins Heilige Land, und mein Dichten und Trachten war nur darauf gestellt, der jungen Fürstin meine Liebe zu verständigen. Bei jedem Speerrennen tat ich mich hervor, denn die weichlichen Griechen kamen mir weder an Kräften noch an Behendigkeit bei. Ich unterließ nicht, durch tausend kleine Aufmerksamkeiten, die uns Männern so leicht das weibliche Herz gewinnen, der reizenden Zoe mich anzuschmeicheln. Mit Sorgfalt spähete ich durch meine Kundschafter wie sie sich an jedem Hoffeste kleiden würde, die Farbe ihres Gewandes war immer die meiner Feldbinde und Helmdecke. Sie liebte Sang und Saitenspiei auch muntere Reihentänze, tanzte selbst zurn Entzücken wie die Tochter der Herodias; ich überraschte sie oft mit einer Serenade, wenn sie des Abends unter dem heitern griechischen Himmel auf der Terrasse ihres Blumengartens am Meer lustwandelte, und die kleinen Silberwellen am Strande das freundliche Flüstern traulicher Seelen




nachahmten. Ich ließ aus Morea (Note.: Venediges Königreiches im Pelopones, an den Grenzen mit den Albanien) Tänzer-Banden kommen sie zu belustigen, und trieb nicht wenig Verkehr mit den Modehändlerinnen zu Konstantinopel, die Erfindungen des weiblichen Putzes nach dem neuesten Geschmack der Kaiserstadt aus der ersten Hand zu empfangen, und sie auf mancherleiwegen zu der Dame meines Herzens gelangen zu lassen, doch so daß sie leicht den Urheber dieser Galanterien erraten konnte. Wenn du in der Liebe einige Erfahrung hättest, mein Sohn, so würdest du wissen, daß solche dem Anschein nach unbedeutende Gefälligkeiten, in der artigen Welt Hieroglyphen sind, die der Unkundige für Spielwerk und Tändelei erkläret, die aber bestimmten Sinn und Deutsamkeit so gut haben als Buchstaben und Worte in der gemeinen Sprache, das heißt, sie sind eine Art rotwelscher Sprache, die ihrer zwei, die sich darauf verstehen, im Beisein eines Dritten reden können, ohne daß dieser weiß ob er verraten oder verkauft ist, die Liebenden verstehn aber alle Worte, ohne eines Unterrichts oder einer Erklärung zu bedürfen. Diese meine Stummen, die ich ins Innre des Palasts schickte, sprachen daselbst sehr laut zu meinem Vorteil; ich bemerkte mit Entzücken, daß mich die schönen Augen der Fürstin im Gewühl der Höflinge um sie her zuweilen aufzusuchen und mir viel Verbindliches zu sagen schienen. Dadurch wurde ich dreuster in meinen Anschlägen; ich fand eine Vertraute unter ihrem Frauenzimmer, die sich gegen die Gebühr zur Botschafterin der Liebe dingen ließ. Es kam zu wechselseitigen Erklärungen, es wurden geheime Zusammenkünfte unter vier Augen verabredet, die jedoch immer mißglückten: ein kleiner Umstand zerstörte jedesmal den Plan, welchen die Liebe entworfen hatte; entweder fand ich meine Prinzessin da nicht, wo sie mich hinbeschieden hatte, oder der Ort, wo ich sie treffen sollte, war mir unzugänglich. Dämon Eifersucht hielt die schöne Griechin in so engem Gewahrsarn, daß ich ihres Anblicks nie anders als im Angesicht des ganzen Hofes genießen konnte. An diesen Schwierigkeiten zerschelleten, wie an einer ehernen Mauer, meine Hoffnung und Wünsche, aber nicht die Leidenschaft, welche als eine hungrige Wölfin immer gieriger wurde, je weniger sie Nahrung fand. Die lodernde Flamme verzehrte das Mark in rneinen Gebeinen, die Wangen erbleichten, meine Lenden verdorreten, mein Gang wurde unstet, denn die Kniee wankten wie ein leichtes Schilfrohr, das der Wind hin und her beuget. Bei all diesem Ungemach fehlte mir ein treuer Freund, in dessen verschwiegenen Busen ich meinen Kummer hatte ausschütten können, und der zum mindesten mit täuschender Hoffnung meinen ermatteten Geist wieder belebt hätte. Als ich nun so sich in meiner Herberge lag, und mich des Lebens verzichen hatte, ließ mich der Fürst durch seinen Leibarzt Theophrast besuchen, dem er die Sorge für meine Genesung anbefohlen hatte. Ich reichte ihm die Hand, in Meinung daß er den Puls prüfen wollte, er schüttelte sie aber mit freundlichem Lächeln, ohne sich um die Reizbarkeit meiner Nerven zu bekümmern, und sprach: “Vermeinet nicht, edler Ritter, daß ich gekommen bin, durch Salben und Latwergen

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