F – Rübezahl – Die fünfte Legende Rübezahl – La prima leggenda



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Rübezahl – Die fünfte Legende

Rübezahl – La prima leggenda

Rübezahl – La cinquième Légende

Rübezahl – The fifth Legend

Rübezahl – La quinta Leyenda


Die Fünfte Legende

e

itdem Mutter llse von dem Gnomen so herrlich war dotiert worden, ließ er lange Zeit nichts wieder von sich hören. Zwar trug sich das Volk mit allerlei Wundergeschichten, welche die Phantasie der Hausmütter in geselligen Winterabenden so lang und fein ausspann als den Faden am Rocken; es war aber eitel Fabelei zur Kurzweil ausgedacht. Wie's immer hundert Narren und Tollhäusler gegen einen Besessenen, hundert Fanatiker gegen einen Inspirierten, hundert Träumer gegen einen Geisterseher geben soll; so gab's auch im Riesengebürge von jeher hundert Jügenhafte Volkssagen vom Rübezahl, gegen eine avthentische Geschichte. Der Gräfìn Cäcilie, Voltairens Zeitgenossin und Schülerin, war noch in unsern Tagen die letzte Entrevue mit dem Gnomen aufbehalten, bevor er seine jüngste Hinabfahrt in die Unterwelt antrat.


Diese Dame, mit all den Gichtern und vornehmen Gebrechen beladen, welche die gallische Küche und Sitte den verzärtelten Töchtern Teuts zur Ausbeute gìbt, machte nebst zwei gesunden blühenden Töchtern die Reise ins Karlsbad. Die Mutter verlangte so sehr nach der Badekur und die Fräuleins nach der Badgesellschaft, nach den Bällen, Serenaden und den übrigen Lustbarkeiten des Bades, daß sie sonder Rast Tag und Nacht reisten. Es traf sich, daß sie gerade mit Sonnenuntergang ins Riesengebürge gelangten. Es war ein schöner warmer Sommerabend, kein Lüftgen regte sich. Der nächtliche Himmel mit funkelnden Sternen besäet; die goldne Mondssichel, deren milchfarbenes Licht die schwarzen Waldschatten der hohen Fichten milderte; und die beweglichen Funken unzählicher leuchtenden Insekten, die in den Gebüschen scherzten, gaben die Beleuchtung zu einer der schönsten Naturszenen, wiewohl die Reisegesellschaft wenig davon wahrnahm; denn Mama war, da es gemachsam bergan ging, von der schaukelnden Bewegung des Wagens in sanften Schlummer gewiegt worden, und die Töchter nebst der Zofe hatten sich jede in ein Eckgen gedrückt und schlummerten gleichfalls. Nur dem wachsamen Johann kam auf der hohen Warte des Kutschbockes kein Schlaf in die Augen; alle Geschichten von Rübezahl, die er vor Zeiten so inbrünstig angehöret hatte, kamen ihm jetzt auf dem Tummelplatz dieser Abenteuer wieder in den Sinn, und er hätte wohl gewünscht nie etwas davon gehört zu haben. Ach wie sehnt' er sich nach dem sichern Breslau zurück, wohin sich nicht leicht ein Gespenste wagt'! Er sahe schüchtern auf alle Seiten umher, und durchlief mit den Augen oft alle zweiunddreißig Regionen der Windrose in weniger als einer Minute, und wenn er etwas ansichtig wurde, das ihm bedenklich schien, lief ihm ein kalter Schauer den Rücken herunter, und die Haare stiegen ihm zu Berge. Zuweilen ließ er seine Besorgnisse dem Schwager Postillion merken, und forschte mit Fleiß von ihm, ob's auch geheuer sei im Gebürge. Wiewohl ihm dieser nun die heile Haut durch einen kräftigen Fuhrmannsschwur verassekurierte, bangte ihm doch das Herz unablässig.

Nach einer langen Pause der Unterredung, hielt der Postkutscher die Pferde an, murmelte etwas zwischen den Zähnen und fuhr weiter, hielt nochmals an und wechselte so verschiedentlich. Johann der seine Augen fest geschlossen hatte, ahndete aus diesem Kutschermanöver nichts Gutes, blickte schüchtern auf und sahe mit Entsetzen in der Weite eines Steinwurfs vor dem Wagen, eine pechrabenschwarze Gestalt daherwandeln, von übermenschlicher Größe, mit einem weißen spanischen Halskragen angetan, und das Bedenklichste bei der Sache war, daß der Schwarzmantel keinen Kopf hatte. Hielt der Wagen so stund der Wandrer , und regte Wipprecht die Pferde an so ging er auch förder. “Schwager siehst du was?” rief der zaghafte Tropf vom hohen Kutschbock herab



mit berganstchendem Haar. “Freilich seh ich was”, antwortete dieser ganz kleinlaut; “aber schweig nur, daß wir's nicht irren.” Johann waffnete sich mit allen Stoßgebetlein die er wußte, das Benedicite und Gratias mit eingeschlossen, schwitzte dabei vor Angst kalten Todesschweiß. Und wie eine Blitzscheuer, wenn's in der Nacht wetterleuchtet, und der Donner noch in der Ferne rollt, schon das ganze Haus rege macht, ohne sich durch die Geselligkeit für der gefürchteten Gefahr zu sichern: so suchte aus dem nämlichen Instinkt der verzagte Diener Trost und Schutz bei seiner schlummernden Herrschaft und klopfte hastig ans Fensterglas. Die erwachende Gräfin, unwillig daß sie aus ihrem sanften Schlummer gestöret wurde, frug: “Was gibt's ?”

Ihr Gnaden schaun Sie einmal aus”, rief Johann mit zagender Stimme, “dort geht ein Mann ohne Kopf.” “Dummkopf der du bist”, antwortete die Gräfin, “was träumt deine Pöbelphantasie für Fratzen! Und wenn dem so wär”, fuhr sie scherzhaft fort, “so ist ja ein Mann ohne Kopf keine Seltenheit, es gibt deren in Breslau und außerhalb genug.” Die Fräuleins konnten indessen den Witz der gnädigen Mama diesmal nicht schmecken, ihr Herz war beklommen vor Schrecken, sie schmiegten sich schüchtern an die Mutter an, bebten und jammerten: “Ach, das ist Rübezahl der Bergmönch!” Die Dame aber, die von der Geisterwelt eine ganz andre Theorie hatte, als die Töchter und keine Geister glaubte als Schöngeister und starke Geister, strafte die Fräuleins dieser pfahlbürgerischen Vorurteile halber, bewies daß alle Gespenster- und Spukgeschichten Ausgeburten einer kranken Einbildungskraft wären, und erklärte mit H-ngsscher Weisheit (2.1) die Geistererscheinungen samt und sonders aus natürlichen Ursachen.



Ihre Suada war eben im vollen Gange, als der Schwarzmantel, der auf einige Augenblicke dem Gespensterspäher aus den Augen geschwunden war, wieder aus dem Busch hervor an den Weg trat. Da war nun deutlich wahrzunehmen, daß Johann falsch gesehen hatte: der Wandersmann hatte allerdings einen Kopf, nur daß er ihn nicht wie gewöhnlich zwischen den Schultern, sondern wie einen Schoßhund im Arme trug. Dieses Schreckbild in der Weite von drei Schritten, erregte innerhalb und außerhalb des Wagens groß Entsetzen. Die holden Fräuleins und die Zofe, welche sonst nicht gewohnt war miteinzureden, wenn ihre junge Herrschaft das Wort führte, taten aus einem Munde einen lauten Schrei, ließen den seidenen Vorhang herabrollen, um nichts zu sehen, und verbargen ihr Angesicht wie der Vogel Strauß, wenn er dem Jäger nicht mehr entrinnen kann. Mama schlug mit stummen Schrecken die Hände zusammen, und ihre unphilosophische Gebärdung ließ vermuten, daß sie insgeheim die Palinodie (2.2) ihrer zuversichtlichen Behauptungen gegen die Gespenster anstimmte. Johann, auf den der furchtbare Schwarzmantel ein besonderes Absehen gerichtet zu haben schien, erhob in der Angst seines Herzens das gewöhnliche Feldgeschrei, womit die Gespenster begrüßet zu werden pflegen: “Alle guten Geister -;” doch eh er ausgeredt hatte, schleuderte ihm das Ungetüm den abgehauenen Kopf gegen die Stirn, daß er überzwerch von der Zinne des Polsters über dem Ringnagel herabstürzte; in dem nämlichen Augenblicke lag auch der Postkutscher durch einen kräftigen Keulenschlag zu Boden gestreckt, und das Phantom keuchte aus hohler Brust in dumpfen Ton diese Worte aus: “Nimm das von Rübezahl dem Bannwart (Grenzvogt) des Gebürges, daß du ihm ins Gehege fuhrst; verfallen ist mir Schiff, Geschirr und Ladung (2.3).” Hierauf schwang sich das Gespenst auf den Sattel, trieb die Pferde an, und fuhr bergab bergan, über Stock und Stein, daß vor dem Rasseln der Räder und dem Schnauben der Rosse von dem Angstgeschrei der Damen nichts hörbar war. Urplötzlich vermehrte sich die Gesellschaft um eine Person; ein Reuter trabte ganz unbefangen neben dem Fuhrmann vorbei, und schien es gar nicht zu bemerken, daß diesem der Kopf fehle; ritt vor dem Wagen her als wenn er dazu gedungen wär. Dem Schwarzmantel schien diese Gesellschaft eben nicht zu behagen, er lenkte nach einer andern Direktion um, der Reuter tat dasselbe, und so oft auch jener aus dem Wege bog, so konnt er den lästigen Geleitsmann nicht los werden, der wie zum Wagen gebannt war. Das nahm dem Fuhrmann groß wunder, absonderlich da er deutlich wahrnahm, daß der Schimmel des Reisigen einen Fuß zu wenig hatte, obgleich der dreibeinige Rosinant (3.1) übrigens ganz schulgerecht traversierte (3.2) ). Dabei wurde dem schwarzen Kondukteur auf dem Sattelgaule nicht wohl zu Mute, und er fürchtete seine Rübezahlsrolle dürfte bald ausgespielt sein, da der wahre Rübezahl sich ins Spiel zu mischen schien. Nach Verlauf einiger Zeit drehete sich der Reuter, daß er dicht neben dem Fuhrmann kam, und frug ihn ganz traulich: “Landsmann ohne Kopf wo geht die Reise hin?” “Wo wird's hingehen”, antwortete das Kutschergespenst mit furchtsamen Trutz, “wie Ihr seht, der Nase nach.” “Wohl” sprach der Reuter, “laß sehn Gesell wo du die Nase hast!” Drauf fiel er den Pferden in Zügel, packte den Schwarzmantel beim Leibe und warf ihn so kräftig zur Erde, daß ihm alle Glieder dröhnten; denn das Gespenst hatte Fleisch und Bein, wie sie ordentlicherweise zu haben pflegen. Behend war der Tavarro (3.3) demaskiert, da kam ein wohlproportionierter Krauskopf zum Vorschein, der gestaltet war wie ein gewöhnlicher Mensch. Weil sich nun der Schalk entdeckt sahe, und die schwere Hand seines Gegners fürchtete, auch nicht zweifelte der Reisige sei der leibhafte Rübezahl, den er nachzuäffen sich unterfangen hatte, ergab er sich auf Diskretion und bat flehentlich um sein Leben. “Gestrenger Gebürgherr”, sprach er, “habt Erbarmen mit einem Unglücklichen, der die Fußtritte des Schicksals von Jugend auf erfahren hat; der nie sein durfte was er wollte; der jederzeit aus dem Charakter mit Gewalt herausgestoßen wurde, in den er sich mit Mühe hinein studiert batte, und nachdem seine Existenz unter den Menschen vernichtet ist, auch nicht einrnal Gespenste sein darf.” Diese Anrede war ein Wort geredt zu seiner Zeit. Der Gnome war gegen seinen Rival so ergrimmt, als weiland König Phlipp gegen den Pseudosebastian (3.4); oder der Zar Boris gegen den Mönch Griska, der den falschen Demetrius (3.5) spielte, und würde nach Maßgabe der oft belobten Hirschberger Justizpflege, augenblicklich mit sträcklicher Exekution gegen den Wicht verfahren sein und ihn erdrosselt haben, wenn nicht seine Neugierde wär rege gemacht worden, die Schicksale des Abenteuers (3.6) zu vernehmen. “Sitz auf Gesell”, sprach er, “und tu was du geheißen wirst.” Drauf zog er vorerst dem Schimmel den vierten Fuß zwischen den Rippen hervor, trat an den Schlag, öffnete solchen und wollte die Reisegesellschaft freundlich salutieren. Aber drinnen war's still wie in einer Totengruft; das übermäßige Schrecken hatte das weibliche Nervensystem so gewaltsam erschüttert, daß alle Lebensgeister aus den äußern Werkzeugen der Empfindung hinter das Schutzgatter der Herzkammern sich geflüchtet hatten, alles was innerhalb des Wagens Leben und Odem hatte, von der gnädigen Frau bis auf die Zofe, lag in ohnmächtigem Hinbrüten. Der Reisige wußte indessen bald Rat zu schaffen, er schöpfte aus dem vorüberrieselnden Bächlein einer frischen Bergquelle seinen Hut voll Wasser, sprengte den erstorbenen Damen davon ins Gesichte, hielt ihnen das Riechglas vor, rieb ihnen von der flüchtigen Essenz in die Schläfe und brachte sie wieder ins Leben. Sie schlugen eine nach der andern die Augen auf, und erblickten einen wohlgestalten Mann von unverdächtigem Ansehen, der durch seine Dienstbeflissenheit sich bald Zutrauen erwarb. “Es tut mir leid meine Damen”, redete er sie an, “daß Sie in meinem Gerichtsbezirk von einem verlarvten Bösewicht sind insultieret worden, der ohne Zweifel die Absicht hatte, Sie zu bestehlen; aber Sie sind in Sicherheit, ich bin der Oberste von Riesental. Erlauben Sie, daß ich Sie zu meiner Wohnung geleite die nicht fern ist.” Diese Einladung kam der Gräfin sehr gelegen, sie nahm solche mit Freuden an, der Krauskopf bekam Befehl fortzufahren, und gehorchte mit zagender Bereitwilligkeit. Um den Damen Zeit zu lassen, sich von ihrem Schrecken zu erholen, gesellete sich der Kavalier wieder zum Fuhrmann, hieß ihn bald rechts bald links wenden, und dieser bemerkte ganz eigentlich, daß der Ritter zuweilen eine von den herumschwirrenden Fledermäusen zu sich berief und ihr geheime Ordre erteilte, welches sein Grausen noch vermehrte. In Zeit von einer Stunde blinkte in der Ferne ein Lichtlein, daraus wurden zwei und endlich vier; es kamen vier Jäger herangesprengt mit brennenden Windlichtern, die ihren Herrn wie sie sagten, ängstlich gesucht hatten, und erfreut schienen ihn zu finden. Die Gräfin war nun wieder in vollem Gleichgewichte, und da sie sich außer Gefahr sahe, dachte sie an den ehrlichen Johann und war um sein Schicksal bekümmert. Sie eröffnete ihrem Schutzpatron dieses Anliegen, der alsbald zwei von den Jägern fortschickte, die beiden Unglückskameraden aufzusuchen, und ihnen benötigten Beistand zu leisten. Bald darauf rollte der Wagen durchs düstre Burgtor in einen geraumen Vorhof hinein und hielt vor einen herrlichen Palast, der durchaus erleuchtet war, der Kavalier bot der Gräfin den Arm, und führte sie in die Prachtgemächer seines Hauses in eine große Gesellschaft ein, die daselbst versammlet war. Die Fräuleins befanden sich in keiner geringen Verlegenheit, daß sie in Reisekleidern in einen so illüstern Zirkel traten, ohne vorher ihre Toilette gemacht zu haben. Nach den ersten Höflichkeitsbezeugungen gruppierte sich die Assemblee wieder in verschiedene kleine Zirkel, einige setzten sich zum Spiel, andre unterhielten sich durch Gespräche. Das Abenteuer wurde viel beredet, und wie es bei Erzählung überstandener Gefahren gewöhnlich der Fall ist, zu einer kleinen Epopee ausgebildet, in welcher Mama sich gern die Rolle der Heldin zugeteilet batte, wenn sich das Riechfläschgen des hülfreichen Ritters hätte wegraisonieren lassen. Bald darauf führte der aufmerksame Wirt einen Mann ein, der recht wie gerufen kam; es





war ein Arzt, der nach dem Gesundheitszustande der Gräfin und ihrer schönen Töchter forschte, den Puls prüfte, und mit bedeutender Miene mancherlei bedenkliche Symptomen ahndete. Ob sich die Dame nach Beschaffenheit ihrer Umstände gleich so wohl befand als jemals: so machte ihr doch die angedrohete Gefahr für das Leben bange, denn aller Leibesbeschwerden ungeachtet, war ihr der gebrechliche Körper noch so lieb wie ein langgewohntes Kleid, das man nicht gern entbehrt, ob es gleich abgetragen ist. Auf Verordnung des Arztes verschluckte sie starke Dosen temperierender Pulver und Tropfen, und die gesunden Töchter rnußten wider Willen und Dank dem Beispiel der besorgten Mutter gleichfalls folgen. Allzu nachgiebige Patienten machen strenge Arzte: der blutsüchtige Theophrast (4) bestund nun sogar auf einer Aderlässe, zog in Ermanglung seines Handlangers des Wundarztes sie würde nicht widersprochen haben, wenn seine Forderungen für die Gesundheitspflege bis zum Klistier gestiegen wären. Zum Glück kam er nicht auf den Einfall dieses heroische Mittel zu verordnen, welches die schamhaften Fräuleins zur Verzweiflung würde gebracht haben; denn nur mit Mühe vermocht es die Überredungskunst des Arztes und die mütterliche Autorität über sie, daß sie die Furcht für den stählernen Zahn des Schneppers überwanden und den Fuß ins Wasser setzten. Die verschleimte Lymphe der Mutter und der purpurfarbene Balsam der Gesundheit aus den Adern der Töchtern, rieselte nun ohne Verzug in das silberne Becken. Zuletzt kam auch die Kammerjungfer noch an den Reihen; ob sie gleich hoch beteuerte sie sei so blutscheu, daß die kleinste Verwundung von einer Nähnadel ihr Schwindel und Ohnmachten zu erregen pflegte, so kehrte sich der unerbittliche Arzt doch an kein Protestieren, entstrumpfte den Fuß des niedlichen Mädchens ohne Barmherzigkeit, und bediente sie so kunstmäßig und sorgfältig als ihre Herrschaft. Diese chirurgische Operation war kaum vollendet, so begab man sich zur Tafel in den Speisesaal, wo ein königliches Mahl aufgetischt wurde, die Schenktische waren bis an den Karnies des Deckengewölbes mit Silberwerk aufgeputzt, es prangten da goldene und übergüldete Pokale, und giganteske Willkommen nebst den dazu gehörigen Kredenzschalen von getriebener Arbeit. Eine herrliche Symphonie tante aus den Nebenzimmern und flötete den leckerhaften Schmaus und die feinen Weine den Gästen lieblich hinunter. Nach dem Abhub der Schüsseln ordnete der Speisemeister das bunte Dessert, das aus Bergen und Felsen von gefärbtem Zucker und Gummitragant bestund. Der tändelhafte Zuckerbäckerwitz, der den Gaumen und das Auge immer leichter zu befriedigen weiß als den Verstand, hatte das ganze Abenteuer der Gräfin in kindischen Wachsfiguren, wie sie oft auf den Tafeln der Großen zu paradieren pflegen, darauf abgebildet. Die Gräfin unterließ nicht das alles in der Stille bei sich bewundernd zu beherzigen. Sie wendete sich an ihren bebänderten Stuhlnachbar, seiner Angabe nach einen böhmischen Grafen, frug neugierig was für ein Galatag hier gefeiert werde, und erhielt zur Antwort, daß nichts Außerordentliches vorgehe, es sei nur eine freundschaftliche Kollation (5.1) guter Bekannten, die hier zufälligerweise zusammen träfen. Es nahm sie Wunder, von dem wohlhabenden gastfreien Obersten von Riesental weder in noch außerhalb Breslau nie ein Wort gehört zu haben, und so emsig sie auch die genealogischen Geschlechtstafeln durchlief, davon ihr Gedächtnis einen reichen Vorrat aufbewahrte, konnte sie doch diesen Namen darunter nicht ausfindig machen. Sie gedachte das von dem Wirte selbst zu erforschen, wovon sie Aufschluß und Belehrung begehrte; aber dieser wußte ihr so geschickt auszuweichen, daß sie nie mit ihm zum Zwecke kam. Geflissentlich riß er den genealogischen Faden ab und zog die Unterredung in die luftigen Regionen des Geisterreichs hinüber; und in einer Gesellschaft, die sich auf den Ton der Vademekumsgeschichtgen (5.2) und Geisterscherei stimmt, wird's selten bald Feierabend, wenigstens gebricht's in diesen Fächern nie an Worthaltern und horchsamen Zuhörern. Ein wohlgenährter Domherr wußte viel wundersame Geschichten vom Rübezahl zu erzählen, man stritt für und wider die Wahrheit derselben; die Gräfin, die recht in ihrem Elemente war, wenn sie den Lehrton anstimmen und gegen Vorurteile zu Felde ziehen konnte, setzte sich an die Spitze der philosophischen Partei, und trieb einen gelähmten Finanzrat, an dem nichts Gelenkes war als die Zunge, und der sich zu Rübezahls rechtlichem Anwalt aufwarf, durch ihre Starkgeisterei sehr in die Enge. “Meine eigene Geschichte”, fügte sie zum Beschlusse noch hinzu, “ist ein augenscheinlicher Beweis, daß alles was man von dem berufenen Berggeiste sagt, leere Träume sind. Wenn er hier im Gebürge sein Wesen hätte, und die edlen Eigenschaften besäß, die ihm Fabler und müßige Köpfe zu eignen: so würde er einen Schurken nicht gestattet haben, solchen Unfug auf seine Rechnung mit uns zu treiben. Aber das armselige Unding von Geiste konnte seine Ehre nicht retten, und ohne den edelmütigen Beistand des Herrn von Riesental hätte der freche Bube sein Spiel mit uns so weit treiben können, als er Lust hatte.”

Der Herr vom Hause hatte an diesen philosophischen Debatten bisher wenig Anteil genommen, jetzt mischt' er sich mit ins Gespräche und nahm das Wort. “Sie haben die Geisterwelt völlig entvölkert gnädige Frau, die ganze Schöpfung der Einbildungskraft ist durch Ihre Belehrung wie ein leichter Nebel vor unsern Augen dahin geschwunden. Sie haben auch das Nichtsein des alten Bewohners dieser Gegenden mit guten Gründen allgnugsam bewährt, und sein rechtlicher Beistand unser Finanzrat ist verstummet. Dennoch dünkt mich ließen sich gegen Ihren letzten Beweis noch einige Einwürfe machen. Wie, wenn dei fabelhafte Gebürggeist bei lhrer Befreiung aus der Hand des verlarvten Räubers dennoch mit im Spiel gewesen wär? Wie, wenn dem Freund Nachbar beliebt hátte meine Gestalt anzunehmen, um Sie unter dieser unverdächtigen Maske in Sicherheit zu bringen? und wenn ich lhnen sagte, daß ich von dieser Gesellschaft, als Wirt vom Hause, mich nicht einen Fuß breit entfernet habe? daß Sie durch einen Unbekannten in meine Wohnung sind eingefähret worden, der nicht mehr vorhanden ist? Sonach wär's doch möglich, daß der Nachbar Berggeist seine Ehre gerettet hätte, und daraus würde folgen, daß er nicht ganz das Unding wir dafür Sie ihn halten.”

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iese Rede brachte die Gräfin einigermaßen aus der Fassung und die schönen Fräuleins legten vor Erstaunen die Gabel aus der Hand, sahen den Tischwirt starr ins Angesicht, um ihm aus den Augen zu lesen, ob das im Scherz gesagt oder geernstet sei. Die nähere Erörterung dieses Problems unterbrach die


Ankunft des wieder aufgefundenen Bedienten und des Postkutschers. Der letztere fühlte eben die Wonne bei Erblickung seiner vier Rappen im Stalle, die der erstere empfand als er frohlockend ins Tafelgemach eintrat, und daselbst seine Herrschaft vergnügt und wohlbehalten antraf. Triumphierend trug er das corpus delicti, das ungeheure Riesenhaupt des Schwarzmantels einher, durch welches er wie von einer Bombe zu Boden geschmettert worden war. Das Haupt wurde dem Arzte

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bergeben, um es als Landphysikus legal zu zerlegen und sein visum repertum (6) darüber auszustellen.


Doch ohne sein anatomisches Messer anzusetzen, erkannt er es alsbald für einen ausgehöhlten Kürbis, der mit Sand und Steinen angefüllt, und durch den Zusatz einer hölzernen Nase und eines langen Flachsbartes, zu einem grotesken Menschenantlitz aufgestutzt war. Nach aufgehobener Tafel schied die Gesellschaft auseinander, da der Morgen bereits herandämmerte. Die Damen fanden ein köstlich zubereitetes Nachtlager in seidenen Prunkbetten, wo sie der Schlaf so geschwind überraschte, daß die Phantasie nicht Zeit hatte, ihnen die Schreckbildcr der Gespenstergeschichte wieder vorzugaukeln, und durch ihr gewöhnliches Schattenspiel ängstliche Tràume anzuspinnen. Es war hoch am Tage da Mama erwachte, der Zofe klingelte und die Fräuleins weckte, die gern noch einen Versuch gemacht hätten, in den weichen Dunen auch auf den andern Ohr zu schlafen. Allein der Gräfin verlangte so sehr die Heilkräfte des Bades aufs baldeste zu versuchen, daß sie durch keine Einladung des gastfreien Hauswirtes zu bewegen war einen Tag zu verweilen, so gern auch die Fräuleins dem Balle beigewohnet hätten, den er ihnen zu geben verhieß. Sobald das Frühstück eingenommen war, schickten sich die Damen zur Abreise an. Gerührt durch die freundschaftliche Aufnahme, die sie in dem Schlosse des Herrn von Riesental genossen hatten, der auf die höflichste Art bis an die Grenzen seines Gebietes ihnen das Geleite gab, beurlaubten sie sich mit der Verheißung, auf der Rückreise wieder einzusprechen. Kaum war der Gnome in seiner Burg angelangt, so wurde der Krauskopf ins Verhör geführet, der unter Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen würden, die Nacht in einem unterirdischen Kerker zugebracht hatte. “Elender Erdenwurm”, redete ihn der Geist an, “was hält mich ab, daß ich dich nicht zertrete, für die in meinem Eigentum mir zu Spott und Hohn verübte Gaukelei? Büßen sollst du mir mit Haut und Haar für diese Frechheit.” “Großguter Regent des Riesengebürges”, fiel der Schlaukopf ihm ein, “so allprätendierend Eure Gerechtsame über diesen Grund und Boden sein mögen, die ich Euch auch nicht streitig mache, so sagt mir erst wo Eure Gesetze angeschlagen sind, die ich übertreten habe, und dann verurteilt mich.” Diese Virtuosensprache, und die dreuste Ausflucht die der Gefangene seinem strengen Richter im Wege Rechtens entgegenstellte, ließen ein sonderbares Original und keinen gewöhnlichen Menschen vermuten, darum mäßigte der Geist seinen Unwillen einigermaßen und sprach: “Meine Gesetze hat dir die Natur ins Herz geschrieben; aber damit du nicht sagen kannst, daß ich dich unverhörter Sache verurteilt habe, so rede, und bekenne mir frei: Wer bist du? und was trieb dich hier im Gebürge als ein Gespenst zu tosen? damit ich dich richte wie ich dich finde.” Das war dem Verhafteten lieb zu hören, daß er zum Worte kommen sollte, hoffte durch die getreue Erzählung seiner Schicksale sich von der verwirktenrache des Geistes loszuschwatzen, oder die Strafe doch wenigstens zu mindern. ,,Weiland", fing er an, “hieß ich der arme Kunz, und lebte in der Sechsstadt Lauban (7.1), als ein ehrlicher Beutler meiner Profession kümmerlich von meiner Hände Arbeit; denn es gibt kein Gewerbe das kärglicher nährt als die Ehrlichkeit. Obgleich meine Beutel guten Vertrieb fanden, weil die Rede ging, das Geld drube (7.2) darinnen wohl, indem ich als der siebente Sohn meines Vaters eine glückliche Hand hätte, so widerlegte sich doch dieser Glaube durch mich selbst; mein eigner Beutel blieb immer leer und ledig wie ein gewissenhafter Magen am Fasttage. Daß aber bei rneinen Kunden sich das Geld in den von mir erhandelten Beuteln so wohl konservierte, lag meinem Bedünken nach weder an der glücklichen Hand des Meisters, noch an der Güte der Arbeit, sondern an der Materie meiner Beutel: sie waren von Leder. Ihr sollt wissen Herr, daß ein lederner Beutel das Geld allzeit fester hält als ein netzförmiger durchlöcherter von Seide. Wem an einem ledernen Beutel genügt, der ist nicht leicht ein Verschwender, sondern ein Mann, der wie das Sprüchwort sagt, den Knopf auf den Beutel hält; die durchsichtigen aber von Seide und Goldzwirn, befinden sich in den Händen vornehmer Prasser, und da ist's kein Wunder, wenn sie an allen Orten ausrinnen wie ein durchöchert Faß, und so viel man auch hineinschüttet, dennoch immer leer und ledig bleiben. Mein Vater prägte seinen sieben Buben fleißig die goldne Lehre ein: “Kinder was ihr tut, das treibt mit Ernst', darum trieb ich mein Gewerbe unverdrossen, ohne daß mein Nahrungsstand dadurch gefördert wurde. Es kam Teurung, Krieg und bös Geld ins Land, meine Mitmeister dachten: Leicht Geld leichte Ware, ich aber dachte: Ehrlich währt am längsten, gab gute Ware für schlecht Geld, arbeitete mich an den Bettelstab, ward in den Schuldturm geworfen, aus der Innung gestoßen, und als mich meine Gläubiger nicht länger ernähren wollten, ehrlich des Landes verwiesen. Auf dieser Wanderschaft ins Elend begegnete mir einer meiner alten Kunden, ritt auf einem stolzen Roß stattlich einher, rief mich an und höhnte mich: “Du Pfuscher du Lump, bist seh ich wohl, deiner Kunst nicht Meister, verstehst sie gar schlecht, weißt den Darm aufzublasen und ihn nicht zu füllen; machst den Topf und kannst nicht drin kochen, hast Leder und keinen Leisten dazu, machst so herrliche Beutel und hast kein Geld.” “Hör Gesell”, antwortete ich dem Spötter, “du bist ein elender Schütze, triffst mit deinen Pfeilen nicht ans Ziel. Es sind mehr Dinge in der Welt, die zusammen gehören, und die man nicht beieinander findet; hat mancher einen Stall und kein Pferd hineinzuziehen; oder eine Scheuer und keine Garben auszudreschen, einen Brotschrank und kein Brot, oder einen Keller und keinen Haustrunk, und so sagt auch das Sprüchwort: Einer hat den Beutel, der andre das Geld. Besser ist doch beides zusammen”, versetzt' er; “bist du gesonnen bei mir in die Lehre zu treten, so will ich einen vollkommenen Meister aus dir machen, und weil du das Beutelmachen so wohl verstehst, will ich dich auch lehren den Beutel zu füllen; denn ich bin ein Geldmacher meines Handwerks. Da nun beide Professionen einander in die Hände arbeiten, ist's billig daß die Kunstverwandten gemeine Sache machen.” “Wohl', sprach ich, seid Ihr ein zünftiger Meister in irgend einer Münzstadt, so mag's drum sein; aber münzt lhr auf Eure eigne Rechnung, so ist's halsbrechende Arbeit, die mit dem Galgen lohnt, dann scheide ich davon.” “Wer nicht wagt, der nicht gewinnt”, sprach er, “und wer bei der Schüssel sitzt und nicht zulangt, der mag darben. Am Ende lauft's auf eins hinaus, ob du erstickst oder verhungerst, einmal muß es doch gestorben sein.” “Nur mit Unterschied”, fiel ich ihm ein, “ob einer als ein ehrlicher Mann stirbt oder als ein Übeltäter.”' “Vorurteil”, rief er, “was kann das für eineÜbeltat sein, wenn einer ein Stück Metall rundet? Der Jud Ephraim hat dessen von dem nämlichen Schrot und Korn als das unsere gnug gerundet; was dem einen recht ist, das ist dem andern billig.” Kurz der Mann hatte eine Gabe zu überreden, daß ich mir seinen Vorschlag gefallen ließ, ich fand mich bald ins Metier, war eingedenk der väterlichen Lehre mein Geschäfte mit Ernst zu treiben und erfuhr, daß die Geldmacherkunst besser und gemächlicher nähre als die Beutlerprofession. Aber im besten Fortgange unsrer Fabrik wachte der Handwerksneid auf; der Jud Ephraim (8.1) erregte eine schwere Verfolgung gegen seinen Aftergenossen; der Verräter schlief nicht, wir wurden entdeckt, und der kleine Umstand, daß wir nicht zünftig waren wie Meister Ephraim, brachte uns auf den Festungsbau, laut Urtel und Recht auf Lebenszeit. Hier lebt ich einige Jahre nach der Regel der büßenden Brüder, bis ein guter Engel, der damals im Lande herumzog, alle Gefangenen los und ledig zu machen, die knochenfest und rüstig waren, mir die Tür des Gefängnisses auftät. Es war ein Werbeoffìzier, der mir anstatt für den König zu karren, den edlern Beruf gab für ihn zu fechten, und mich unter die Freipartie enrollierte (8.2). Mit diesem Tausch war ich wohl zufrieden, ich nahm mir nun vor ganz Soldat zu sein, zeichnete mich bei jeder Gelegenheit aus, war immer der erste beim Angriff, und wenn wir retirierten, war ich so gewandt, daß mich der Feind nie einholen konnte. Das Glück wollte mir wohl, schon führt ich eine Rotte Reuter an und hoffte bald höher zu steigen. Da wurd ich einsmals auf Fouragierung ausgeschickt, und befolgte meine Ordre so streng und pünktlich, daß ich nicht nur Speicher und Scheuern, sondern auch Kisten und Kasten, in Häusern und Kirchen rein ausfouragierte. Zum Unglück war's in Freundes Land, das gab großen Lärm; gehässige Leute nennten die Expedition eine Plünderung, man machte mir als Marodeur den Prozeß, ich wurde degradiert und durch eine Gasse von fünfhundert Mann eilends aus dem ehrsamen Stande herausgestäupt, in welchen ich gedachte Fortüne zu machen. Jetzt wußt ich keinen andern Rat, als wieder zu meiner ersten Profession zu greifen, aber es fehlte mir an Barschaft Leder einzukaufen, und an Lust zu arbeiten. Weil ich nun wegen des allzu wohlfeilen Verkaufs ein unstreitiges Recht auf meine ehemalige Ware zu haben vermeinte: so faßt ich den Anschlag, mich derselben mit guter Art wieder zu bemächtigen, und ob sie schon durch langen Gebrauch abgenutzt wär, mich dennoch meines Schadens in etwas dadurch zu erholen. Darum fing ich an die Taschen zu sondieren, und hielt jeden Beutel den ich witterte für einen von meiner Arbeit, machte Jagd darauf, und alle deren ich mich bemächtigen konnte, kondemniert ich alsbald als gute Prisen (9). Bei dieser Gelegenheit hatte ich die Freude einen guten Teil meiner eignen Münze wieder einzukassieren; denn ob sie gleich verrufen war, so kursierte sie nach wie vor in Handel und Wandel. Dies Gewerbe ging eine Zeitlang wohl vonstatten, ich besuchte unter mancherlei Gestalten, bald als Kavalier, bald als Handelsmann oder Jude, Messen und Märkte, hatte mich so gut in mein Fach einstudiert, meine Hand war so geübt und behend, daß sie nie einen Fehlgriff tat und mich reichlich nährte. Diese Lebensart behagte mir trefflich, daß ich beschloß



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